Wenn der Ernstfall zum Lernmoment wird

Über ein Fortbildungsvideo, das mit Humor einen blinden Fleck in der Medizin adressiert

Medienproduktion
Zwei Drittel der befragten Ärztinnen und Ärzte waren unsicher bei der Ersttherapie einer Anaphylaxie. Ein Fortbildungsvideo für die SGR setzt auf ein ungewöhnliches Mittel: Humor. Über die Entstehung eines Projekts, das sich getraut hat.
Autor:in

Jochen Elfgen

Veröffentlichungsdatum

28. März 2026

Die Ausgangslage war ernüchternd. Eine Studie mit 95 Ärztinnen und Ärzten in europäischen Kliniken zeigte: Alle erkennen eine schwere anaphylaktische Reaktion auf Kontrastmittel. Aber zwei Drittel sind unsicher bei der korrekten Ersttherapie mit Adrenalin. Und rund 68 Prozent haben Schwierigkeiten, einen Adrenalin-Autoinjektor korrekt zu bedienen — einzelne verletzten sich dabei selbst.

Das sind Zahlen, die man ernst nehmen muss. Die Frage war: Wie bringt man diese Botschaft so an die Zielgruppe, dass sie hängen bleibt?

Sollen wir das wagen?

Der Impuls kam von Andreas Gutzeit, Radiologe und Mitglied im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Radiologie. Er kannte das Problem aus der Praxis und wollte ein Fortbildungsformat, das anders funktioniert als ein klassischer Vortrag oder ein trockenes E-Learning-Modul.

Wir hatten bereits Erfahrung mit einem ähnlichen Ansatz: ein Sicherheitsvideo zum Thema MRI, produziert für eine Klinikgruppe. Dort hatten wir gelernt, dass Humor und ein unerwarteter Erzählton Aufmerksamkeit erzeugen können, ohne die Ernsthaftigkeit des Themas zu untergraben. Die Frage war: Funktioniert das auch bei einem Thema, bei dem es um lebensbedrohliche Situationen geht?

Wir haben es gewagt.

Storytelling - konsequent methodisch eingesetzt

Das Konzept: Ein Video, das eine anaphylaktische Reaktion zeigt — realistisch und emotional genug, um den ersten Stimulus zu setzen, und danach so weiter erzählt, dass die Zuschauer aufmerksam bleiben. Humor als tragendes Element, visuell immersive visuelle Sprache und eine klare, auf das absolut Wesentliche verdichtete Lernbotschaft. Eine Gradwanderung!

Die Produktion habe ich dann End-to-End geführt: Konzept, Drehbuch, Regie, Kamera, Schnitt. Die Zusammenarbeit mit Sven Stickling hat dem kreativen Konzept eine extra Qualität geschenkt. Es war meine erste Produktion mit einem professionellen Schauspieler, und ich begriff schnell: Sven brauchte kreativen Freiraum, die Story und die Szenen mitzuentwickeln. Seine Persönlichkeit und sein Ideenreichtum haben das Projekt enorm bereichert.

Trotzdem hat das Ganze den zugänglichen Charakter einer charmanten Low-Budget-Produktion bewahrt (die es schliesslich auch war).

Genauso inspirierend war das kreative Pingpong mit Andreas Gutzeit. Er bringt das Netzwerk, die relevanten Ideen und die Sponsoren zusammen. Treffsicher deckt er relevante Themen in der Fachöffentlichkeit auf, zündet zukunftsweisende Ideen und schafft den Raum, sie umzusetzen.

Studie und Publikation

Die Ergebnisse der begleitenden Studie wurden 2025 im British Journal of Radiology publiziert:

Pape KC, Meissnitzer M, Strüby Z, Sartoretti T, Harder D, Matoori S, Froehlich JM, Schindera S, Laures S, Hälg C, Hergan K, Hecht S, Konrad C, Hausmann O, Elfgen J, Najafi A, Bech-Hohenberger R, Koh DM, Gutzeit A. Severe anaphylactic reaction to contrast agent: teams are well prepared but should simulate the situations regularly. BJR, 2025, 00, 1–7.


*Das Anaphylaxie-Video ist auf der Webseite der SGR-SSR verfügbar.