Konflikte in Healthcare-Organisationen

Die unterschätzte Bedrohung und Chance

Zusammenarbeit
Warum professionelles Konfliktmanagement im Gesundheitswesen kein Luxus ist.
Autor:in

Jochen Elfgen, MD

Veröffentlichungsdatum

10. Juli 2024

Ja, wir haben es mittlerweile begriffen: Organisationen im Gesundheitswesen befinden sich momentan in einer angestrengten Dynamik aus Fachkräftemarkt, Finanzierungsfragen, Dys-Bürokratisierung, gesellschaftlichen Erwartungen, unternehmerischen Interessen, alten Machtstrukturen, Digitalisierungs-Gaps und entzündeten Prozessen. Das sind riesige Herausforderungen.

Komplexität verschwindet nicht dadurch, dass man sie moralisiert oder wegmoderiert. Sie verlangt nach Formen, die Spannungen bearbeitbar machen.

Eine entscheidende Zutat, um diesen Spannungsfeldern zu begegnen, bleibt dabei oft ungenutzt: Professionelles Konfliktmanagement als Kompetenz und als Strukturelement.

Die Fähigkeit, produktiv mit Konflikten, Dissens und Zwickmühlen umzugehen, ist längst keine weiche Zusatzkompetenz mehr. Sie gehört zum Kern organisationaler Handlungsfähigkeit.

Latente Konflikte schaden unmittelbar Ihrer Organisation

Regelmässig begegnet man in Healthcare-Organisationen latenten Konfliktlandschaften, die von einer vernachlässigten Hinterbühne aus ständige Störungen hervorbringen. Als „Die haben doch null Wertschätzung für uns!“, „Die sind …!“ in Form von unerwünschten Projekt-Outcomes, Sand im Getriebe, dysfunktionalen Teams und Gremien, entzündeten Schnittstellenprozessen, komplizierten Reglementen und Fingerzeigen zwischen Stakeholdern.

Unproduktiv ausgetragene Konflikte erschöpfen nicht nur die Menschen, sondern stellen für Gesundheitsorganisationen unmittelbare Risiken in Bezug auf Leistungsfähigkeit, Kosten, Entwicklungskapazität, Arbeitsplatzattraktivität und Behandlungsqualität dar.

Was als persönliches Problem erscheint, ist oft Ausdruck einer strukturell ungelösten Spannung zwischen Funktionen, Logiken oder Loyalitäten.

Ihr angemessener Platz wäre damit ganz weit oben im Bedrohungsranking einer Organisation.

Konflikte überfordern: Verständlich aber oft unnötig

Organisationen und ihre Führungskräfte wirken mit Konflikten und den begleitenden Emotionen und Verhaltensmustern oft überfordert. Die verantwortlichen Player sind regelmässig selbst Teil des Konfliktsystems und reagieren möglicherweise mit ungezielten Durchgriffen, elterlichen Vernunftsappellen, Scham, Abwiegeln, Verdrängen oder hilflosen Versuchen, Klärungen einer zutiefst bewegten emotionalen Ebene auf die sogenannte „Sachebene“ zu zerren.

Daraus resultiert so manche hilflose kommunikative Intervention, die statt zu nachhaltigen Lösungen eher zu einer ungesunden Konfliktstabilisierung beiträgt.

Konfliktkompetenz als unternehmerischer Vorteil

In Konflikten liegen enorme ungenutzte Chancen, ihre Spannungsenergie für die Organisation zieldienlich nutzbar zu machen, dazu mit zahlreichen günstigen Nebeneffekten und für verhältnismässig kleines Geld. Konflikte können so als Botschafter für konkrete Entwicklungsmöglichkeiten umgedeutet werden.

Konflikte tragen oft schon die Information in sich, die eine Organisation für ihren nächsten Entwicklungsschritt braucht.

Konfliktkompetenz hilft psychologisch sichere Räume bereitzustellen, nachweislich ein Schlüsselfaktor für gesunde Produktivität, Behandlungsqualität, Patientensicherheit, Mitarbeiterbindung und Innovation.

Konfliktkompetenz ist kompetitiver Marktvorteil. Das ist in vielen Branchen bereits verstanden und strukturell etabliert, im Gesundheitswesen haben wir dort noch viel ungenutztes Potenzial.

Das produktive Austragen von Konflikten ist erlernbar

Bilden Sie sich selbst, Ihre Führungskräfte und Ihre Mitarbeiter in Konfliktmanagement aus. Stärken Sie ihre Fähigkeiten, sich in Dilemmata, Dissens und multiperspektivischen Szenarien zurechtzufinden.

Bilden Sie interne Berater und Konfliktanlaufstellen und lernen Sie die Signale kennen, bei denen man besser professionelle MediatorInnen hinzuzieht.

Es lohnt sich.